Mittwoch, 28. Dezember 2016

Hüten im November 2016 in Wiesbaden

November, die trübe Jahreszeit will sich diesen Herbst auch genau so präsentieren.
Es regnet, regnet, regnet.
Wenn nicht, ist es trotzdem diesig und verhangen.
Bedaure ich das Wetter?
Kein bisschen.
Die Herde wird in stadtnahen Waldtälern gehütet.
Der allgemeine Städter des deutschen Südens geht bei Regen nicht spazieren, auch nicht mit dem Hund.
Schleswig-Holsteiner sind da doch härter im nehmen, die trifft man bei jedem Wetter.
Das es hier anders ist finde ich nun wirklich nicht schade.
Ich genieße die Ruhe.
 
Päuschen
Zu hören sind nur die steten Regentropfen und das gleichmäßige rupfen der Schafe.
Sie fressen gut, auch die Neuzugekauften sind endlich im Herdenverbund angekommen, nur die Ziegen haben wie immer Unsinn im Kopf. Dafür verbeißen sie Gesträuch und Büsche besser und auch noch ein Stockwerk höher als die Schafe. In der Landschaftspflege sind sie unentbehrlich.
Irgendwie mag ich Geißen und ihre beständigen Kapriolen auch.
Meistens.
Manchmal.
Es macht das Hüten in jedem Fall spannender und abwechslungsreicher.
Wobei ich dafür ja auch den jungen Hund habe.
Klein Lillebror, Altdeutscher Tiger, ist nun ein Jahr und voller Arbeitseifer. Er kann den ganzen Tag laufen und lernt wahnsinnig schnell.
Die Herde reagiert sehr empfindlich auf ihn, ist er doch der größte, hellste, druckvollste Hund dem sie je begegnet sind.
Nicht nur packt Lille den Schafen in den Nacken, er arbeitet dabei auch mit vollem Körpereinsatz.
Ich bin sehr zufrieden.
Lillebror in der Grenze
Beim Altdeutschen Hütehund gibt es drei zulässige Griffe, den Keulen-, Nacken- und Rippengriff.
Der Griff soll kurz sein, das Schaf weder halten noch schütteln und auf keinen Fall beißen.
Die Griffe sind erblich und verlieren sich bei schlechter Zuchtauswahl schnell.
Greift der Hund an anderen Stellen wie Kehle, Bauch, Pansen, Vorderbein, Gesicht, kommt es leicht zu erheblichen Verletzungen.
Zeigt ein Hund mehrere Varianten, kann bei der Ausbildung noch dran gefeilt werden. Die gewünschte Art muss aber auch gezeigt werden und es ist sehr schwierig, den Fehlgriff konsequent zu unterbinden und den anderen zu fördern. Besonders da ein Fehlgriff oft für den Hund selbstbelohnend ist, ist er doch für das Schaf schmerzhafter und so einschüchternder.
Ich hatte einmal eine junge Hündin, die Griff zu ca. 80% ans Vorderbein, zu 20% an die Keule.
Ich versuchte ihr den Vorderbeingriff abzugewöhnen in dem ich ihr diesen untersagte und sie möglichst dann laufen ließ, wenn die Keule leichter zu erreichen war.
Nun brauche ich aber beim Hüten seltenst einen Hund hinter den Schafen und wenn braucht er da kein Druck zu machen, bewegen die Tiere sich ja schon.
Druck macht die Hüteherde immer vorne, da stehen sie Schulter an Schulter und wollen weiter, bieten dem Hund die Stirn.
Wie sollte ich dem Hund erklären, dass er diese Front aufbrechen muss um an die Keule zu kommen, wenn er die effektive Methode des Vorderfuß greifen und hochziehen schon mit sich bringt?
Als Einschub, dass Vorderbein ist beim Schaf nur durch Muskel und Sehnen verbunden, ein Hochziehen kann zu Hohlreißen in der Achsel führen, was eine sehr heftige und schmerzhafte Verletzung ist. Daher greifen auch wir Menschen Schafe nie am Vorderbein.
So gab ich die Hündin letztlich in Privathand wo sie nun als geprüfter Rettungshund sehr erfolgreich arbeitet.
Das der Hund für den Keulengriff die Herdenfront aufbrechen muss ist der Grund, warum ich den Griff nicht mag. Er muss wesentlich härter Arbeiten und macht weniger Eindruck.
Leider, für mich, bevorzugen die meisten Schäfer doch den Keulengriff und es ist immer schwer, einen Hund zu finden, der einen der anderen Griffe zeigt.
Vielleicht noch ein Einschub zum Griff an sich.
Wieso muss der Hund überhaupt greifen?
Kommt nicht der Border Collie zum Beispiel ohne Griff aus.
Der Border Collie arbeitet auf Grund seiner Genetik über die Fluchtdistanz des Schafes. Er findet den Punkt ab dem das Tier sich anbewegt und balanciert auf diesem die Schafe.
Täglich gehütete Schafe haben keine Fluchtdistanz.
Das heißt, die Herde hat keine Angst, sie frisst völlig entspannt direkt neben dem Hund. Im Gegenteil, sie testen den Hund sogar, ab man ihn nicht vielleicht verscheuchen kann.
Die Schafe wissen auch, dass ihnen nichts passiert, wenn sie sich an die von mir aufgestellten Regeln halten. Der Hund straft nur Regelverstöße. Den Schafen ist dieses Risiko bei Grenzüberschreitungen durchaus bewusst, manche gehen es trotzdem ein, da doch das Verbotene lockt.
Wer Schafe untereinander beobachtet, weiß, dass sie durchaus nicht zimperlich miteinander umgehen. Natürlich kein Vergleich zu Ziegen, die sich nicht nur stoßen, sondern auch beißen und ihre Hörner ganz gezielt zum Spießen einsetzen.
So muss der Hund auch bei Ziegen immer noch deutlicher sein und es braucht viel Mut für einen Jungspund sich derer anzunehmen.
Ich hab schon mit zwei ziegenunsicheren Hunden gleichzeitig gehütet, wo dann alle Schafe brav auf ihrer Fläche fraßen, die Ziegen aber auf der anderen Seite der Grenze im verboten Grün.
Oh, das macht wütend.
Es gibt viele Hunde, die zwar wie irre rennen können, aber die Grenze, wenn die Schafe wirklich Druck drauf machen, nicht halten. Dafür braucht es einen anständigen Griff und Ausstrahlung.
Mich beeindruckt ein Hund, der in seiner Grenze rumschnuffelt oder schläft und kein Schaf geht rüber, mehr, als unsinnige Renner. Ist der Hund schwach, nerven und testen ihn die Schafe beständig, ein starker Hund macht seine Regeln klar und damit herrscht Friede.
Schafe sind sehr schlaue Tiere, mögen es aber auch sicher und vorausschaubar.
Zurück zum Griff.
Nicht nur mag ich den Rippen und Nackengriff auch mag ich, wenn der Hund mit Körpereinsatz arbeitet. Ein Hund der den Kopf vorstreckt und spitz zubeißt, macht schnell Schaden und wird trotzdem vom Schaf kaum Ernst genommen.
Hingegen einer, der sein Gewicht mit einsetzt, gegen das Schaf rumpst, beim Griff mehr das Maul weit auf hat, seine Aufprallgeschwindigkeit mit rein legt und weiter gar nicht beißt, macht richtig Eindruck, wird von den Schafen respektiert.
Lillebror zeigt all das.
Nun muss ich ihm klar machen, dass solch eine harte Aktion nur sehr selten nötig ist.
Die Schafe wissen schnell, was dieser Hund bedeutet und benehmen sich tadellos. So hab ich einen jungen Hund neben mir, der sich langweilt. Natürlich, hab ich eine klare Grenze, wie einen Weg oder Furche, kann er die laufen. Doch oft hab ich die nicht, oder es ist nicht die Grenze wo die eigentliche Arbeit anliegt. Die ist an der Herdenfront zum frischen Futter. Der Hund soll hier das Fresstempo bestimmen. Rumpelt die Lille auf beschrieben Art ab, stoppt die Herde, dreht. Das ist nicht das was ich möchte.
So warte ich ab, schicke ihn nicht und er langweilt sich. Erstaunlich schnell fällt bei ihm der Groschen. Bewegt er sich in langsamen, ruhigen Trab an der Herde, darf er laufen, auch die Schafe bleiben entspannt und so in seiner Nähe.
Ich bestätige das stimmlich und unterbinde jede heftige Aktion sofort.
So lernt der junge Hund.
Ich muss ihn dafür aber dauerhaft in der Konzentration haben, denn natürlich machen ihm die wilden Aktionen mehr Spaß.
Da einige meine Berichte mit extra Augenmerk auf die Hundeausbildung lesen, führe ich das noch etwas aus.
Ein Anfängerfehler den ich schon häufig gesehen habe ist, selbstständiges Handeln des Hundes nicht zu Kommentieren. Der Hund schleicht, glaubt er sich unbeobachtet, davon, vorsichtig und langsam, läuft weit raus, ohne die Herde zu stören, puzzelt Ausreißer aus den Büschen und zeigt auch sonst großes Verständnis für das Hütegeschehen.
Spricht man ihn an, versteht er das als Aufforderung und knallt los.
So lässt man ihn gewähren, ist man ja froh, dass er so weit weg und so vorsichtig arbeitet, würde man ihn doch da niemals hin dirigiert bekommen.
Macht er zu doll, schimpft man.
Dann wird berichtet, dass der Hund nur heimlich ruhige Arbeit leistet.
Es gilt von Anfang an, die Verbindung zum Hund immer zu halten und zu stürmische Aktionen sofort abzubrechen. Bewegt er sich langsam, ihn ruhig stimmlich bestätigen. Interpretiert er das als Losstürmaufforderung wird seine Aktion abgebrochen.
Das kann für den jungen Hund durchaus sehr frustrierend sein, um so gelangweilter er ist, um so mehr Spannung baut er auf und um so doller knallt er los, wenn er denn darf.
So muss er lernen mit Frust umzugehen, zu entspannen. Jede ruhige Bewegung wird positiv bestätigt.
Hier liegt auch ganz viel an mir. Ich muss den Hund unter Kontrolle haben und ihn trotzdem loslassen. So sehr loslassen, dass er sich traut sich zu bewegen. Schaffe ich das nicht, hilft manchmal etwas zu lesen, zu singen oder etwas anderes zu tun, was unseren Geist lockert. Dabei darf ich dann aber wiederum den Hund nicht ganz aus dem Bewusstsein verlieren. Lasse ich ihn ganz los, macht er mit Sicherheit scheiß und hat er erst mal raus, auf diese Momente zu spitzen, wird eine Kooperation schwierig.
Wir alle kennen es von unseren Hunden, was sie treiben, wenn wir das Handy ans Ohr nehmen. Der alte Hund arbeitet aber auch wieder vernünftig, wenn ich das Handy weglege und lebt nicht nur für diese Momente.
So den Jungen fürs telefonieren besser anleinen.
Bei der stimmlichen Begleitung ist das Lob das Entscheidende und viel schwerer als der Tadel.
Das Lob muss angenommen werden und der Hund darf nicht durchknallen.
Oft hab ich Hunde gesehen, die Lob als Aufforderung zum Losbrettern verstehen. Zur Folge hat, dass man sie nur noch weniger lobt, nur noch schimpft.
Dabei sollte das Verhältnis Lob zu Tadel, meiner Meinung nach, 5 zu 1 sein.
Fünf Lob auf einen Tadel.
Das gilt nicht nur für Hunde, auch für Kinder, oder Mitarbeiter.
Ich weiß, viele werden nun die Stirn runzeln, schafft man doch kaum ein 1 zu 1 Verhältnis. In allen Fällen.
Bekommt der Hund aber nur negatives von mir, empfindet er uns als Störung in seinem Schafehüten. Er arbeitet nicht mit uns zusammen. Wozu auch?
Ein anderer Anfängerfehler ist, dem Hund zu wenig zu vertrauen.
So wird er dauernd ermahnt, nicht dies oder das zu tun. Dabei macht der das noch gar nicht.
Macht er das Verbotene dann doch, hört sich der Tadel nicht anders an, als die Ermahnung vorher.
Dazu sage ich, traue dem Hund mehr zu, lass ihn machen, lobe ihn, so lange alles richtig läuft.
Schießt er dann plötzlich los um scheiß zu machen, dann kommt das Negative, aber richtig. Da muss ich dann auch mal dem Hund hinterher und meine Ansichten hart deutlich machen.
Um ihn danach sofort wieder frei zu geben, kein Groll und „wie konnte er nur“ und „jetzt darfste nicht mehr so weit“, „siehste, was du davon hast“, nein, nun wird sein gutes Tun wieder bestätigt, positiv begleitet.
Bin ich mir sicher, dass er weit weg von mir wieder in die Herde knallen wird, dann positioniere ich mich eben mal so, dass ich durch die Herde durch schnell genug vor Ort bin und dann gibt’s ÄRGER.
Ich weiß, es ist immer einfacher gesagt, als umgesetzt.
Meine innere Grundspannung und Willen ist auch nicht jeden Tag gleich. Es gibt Tage, da zerre ich mit den Hunden hin und her und es gibt Tage da kann ich mir gar nicht vorstellen, dass der Hund nicht mit mir zusammen arbeitet. Das sind dann die Tage, wo der Hund den Scheiß nicht mal versucht.

Lille bewegt sich ruhig an der Herde, brav
 So hüten wir an den grauen, diesigen Herbsttagen.
Kaum hört der Regen auf, dampfen die Wälder und Dunstschleier liegen über den Baumkronen, in den Wiesentälern, hüllen alles in eine ganz eigene Stimmung.
Bis die Hundehalter die Lücke bemerkt haben und zu hunderten angewandert kommen.
Meine Hunde gucken schon nicht mehr nach ihnen und auch die Schafe lassen sich beim Fressen nicht beirren.
Nur ich spiele Alleinunterhalter, beantworte zehntausend Fragen, bin freundlich und nett und doch immer unter Anspannung.
Die meisten Hunde sind entweder angeleint oder brav.
Aber das weiß ich ja nie vorher.
So bin ich immer bereit die Herde zu verteidigen.
In meinen ganzen Schäferjahren hat in meinem Beisein noch nie ein Hund in der Herde gehetzt.
Das aber, weil ich immer bereit bin.
Bereit den Jäger mit meinem Stock zu erschlagen!
Und verkünde ich das laut und rennend, hat es mir bisher jeder Hund geglaubt und ist abgedreht.
Die meisten Hundehalter sind dann ziemlich Schuldbewusst, aber es gibt auch die anderen:

„Hier waren sonst noch nie Schafe!“ Deswegen braucht man für einen nicht hörende Hund auch keine Leine mit nehmen.

„Er wäre nicht reingerannt, bei uns im Ort ist auch ein Schäfer, er kennt das.“ Klar, das wissen meine Schafe und ich ja vorher, wenn der Hund alleine über die Wiese gerannt kommt, der Halter erst Minuten später auftaucht.

„Der darf machen was er will.“ Nachdem ihr Deutschkurzhaar beim Einfahren in den Nachtpferch von hinten auf die Schafe geschoben hat. Dann nur durch mein Drohen nicht in den Pferch gefolgt ist, davor stand, bis ich den Zaun zu hatte. Da tauchte Frauchen auch erst auf. Meine Antwort war: „Wenn er in die Schafe geht, mache ICH, was ICH will!“
„Macht er ja nicht, haben sie doch gesehen!“

Spaziergänger
So möchte ich den Bericht hier nun nicht beenden.
Natürlich bleiben einem solche Begegnungen besonders eindrücklich in Erinnerung, aber es gibt auch so viele schöne und nette oder auch Lustige.
Die Frau mit kleiner, ungefähr dreijähriger Tochter, die sich, wie alle Eltern total freut, dass ihr Kind die Schafe sehen kann, mit den Hunden schmusen darf.
Sagt die Tochter: „Ich würde gerne so ein Schaf essen!“
Der Mutter fällt alles aus dem Gesicht: „Wir essen keine Tiere!“
„Doch, ich würde gerne ein Schaf essen.“
Die Mutter wieder: „Wir essen keine Tiere. Wenn Du groß bist, darfst Du anders entscheiden. Jetzt essen wir keine Tiere!“
Da kann ich mir ein: „Schafe schmecken sehr lecker.“ nicht verkneifen.

Oder abends, ich habe den Pferch im neuen Tal bereits zu, hält ein Auto am Straßenrand.
Die Fahrerin fragt: „Wie lange sind sie denn hier?“
„Heute angekommen und in diesem Gebiet so um die zwei Wochen, dann geht’s weiter.“
„Wissen sie was, dass muss ich ihnen erzählen!“ Ihre Stimme zittert: „Am 16. März ist meine Tochter geboren. Damals standen hier Schafe.“
Nun funkeln Tränen in ihren Augen: „Und heute, heute stehen hier wieder Schafe und heute hat meine Tochter einen Sohn geboren!“
Wow!
„Vielen Dank und Herzlichen Glückwunsch!“


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