Freitag, 30. März 2018

Lämmer zu Ostern



Zu der Behauptung Schäfer würden die im Frühling neugeborenen Lämmer zu Ostern schlachten.
Nein, tun wir nicht!
Ein Schaf wechselt mit einen Jahr das erste paar Schneidezähne.
Bis dahin gilt es als Lamm.
Lämmer werden geschlachtet, wenn sie schlachtreif sind, dass heißt rund oder auch abgedeckt über dem Rücken und von der Größe, durch einen unerfahrenen Betrachter, nicht mehr von einem Schaf zu unterscheiden.
Der Begriff Milchlamm ist ein rechtlich nicht kategorisierter Begriff, der nichts anderes beschreibt als ein solches oben beschriebenes Lamm. Damit soll dem Kunden Zartheit suggeriert werden, da sich hartnäckig das Gerücht hält, Schaffleisch sei zäh. Dabei würde sogar ein Schaf über einem Jahr noch gut schmecken, das Fleisch wir nur etwas fester.
Der angeblich talgige Geschmack, den sich viele vorstellen, bezieht sich auf Hammelfleisch. Das stammte früher von einem älteren, kastrierten Bock, der in der Herde mitlief und das, was das Mutterschaf zum Lämmer austragen und groß ziehen verwendete, in Fett umsetzte. Solche Hammel sind heute nicht mehr zu bekommen, der Verbraucher ist zu sehr gewohnt Fleisch zu essen, das in Konsistenz und ich denke sogar Geschmack einem Wackelpudding gleicht.
Somit sind Tiere, älter als ein Jahr nicht mehr zu vermarkten.
Ein Lamm wird im Herdenverband geboren, wächst dort umsorgt von Mutter und Schäfer heran. Mit etwa drei bis vier Monaten werden die Böckchen abgetrennt, sie haben nun ein Alter in dem sie sonst ihre Mütter und Schwestern decken würden. Es ist die natürliche Zeit für ein junges männliches Tier die Herde zu verlassen. Nun sind sie aber im allgemeinen noch nicht schlachtreif, leben also im Lämmerverband weiter.
Ein vorzeitiges oder zu frühes absetzen der Lämmer würde nicht nur zu Verlustängsten auf beiden Seiten führen, sondern auch zu massiven Euterproblemen bei dem Muttertier. Etwas was kein Schäfer haben möchte.
Wie das Paradoxon entstanden ist, dass der Verbraucher zu Ostern, wenn Lämmer gerade erst geboren werden, Lamm essen möchte, weiß ich nicht.
Es treibt auf jeden Fall den Preis in die Höhe, wobei, nicht nur wegen Ostern, sondern einfach auch, weil es um diese Jahreszeit wenig Lämmer zu kaufen gibt. Um diesen Markt nicht ganz Neuseeland mit seinen umgedrehten Jahreszeiten zu überlassen, wo dass das Fleisch um die halbe Welt gereist ist, bis es hier im Laden als frisch verkauft wird, legen viele Schäfer kleinere Lammzeiten in den Herbst. Diese Lämmer sind dann zu Ostern fertig. Doch die meisten Lämmer werden in Deutschland immer noch um die Osterzeit geboren und da nicht geschlachtet.
Wir Schäfer sind gezwungen unsere Lämmer im ersten Jahr marktfertig zu bekommen, da wir unter den wirtschaftlichen zwängen des Weltmarktes stehen. Die Direktvermarktung lohnt sich in den wenigsten Fällen, nicht nur ist der Arbeitsaufwand dafür immens, und Schäfer kämpfen schon am Rand des menschlich machbaren. Auch hat Staat und EU mit ihren auflagen dafür gesorgt, dass eigene Schlachträume nicht finanzierbar sind und, bis auf den Freistaat, die Sonderregelungen geschaffen hat, alle kleinen Schlachtbetriebe die auch kleine Mengen an Tieren schlachteten, dicht machen mussten.
Die Schäferei ist die letzte Tierhaltung in denen Nutztiere flächendeckend in Freiheit ihr ursprüngliches Leben artgerecht leben dürfen.
Um so mehr wundern mich diese Kampanien dagegen, gerade von denen, die uns doch unterstützen müssten.
Ist es weil sie keine Ahnung haben? Weil sie prinzipiell gegen jede Art der Tierhaltung sind und glauben die Welt könne mit Technik und Industrie ohne diese leben? Weil sie gegen industrielle Massentierhaltung nicht ankommen, und es einfacher finden, die die schon am Boden liegen, die letzten Stiche zu geben?
Ich kann verstehen, dass Menschen für sich entscheiden, kein Tier und auch dessen Produkte zu verwenden.
Was ich nicht verstehe ist der Kreuzzug gegen uns Schäfer.
Zuerst sollte man bei sich selbst anfangen, was ist mit dem Kobald-Minen-Kindersklaven-Handy, den in Bangladesch mit Bluthänden genähten, die Meere verseuchenden Plastikklamotten, der dreifach in Plastik eingeschweißten, veganen Chemiepseudowurst?
Was? Da werden ja keine Tiere getötet? Wer glaubt, dass da wo Umwelt, Natur und Menschen leiden, gefoltert und zerstört werden, keine Tiere leiden und sterben, ist wirklich blauäugig.
Und wenn wirklich auf all dass geachtet wird? Ist dann die kleine Schäferei der Platz um mit seinem Kreuzzug zu beginnen?
Besonders wo der bequeme Verbraucher nicht aufhören wird Fleisch zu essen, aber sich vielleicht überlegen würde, besseres zu kaufen, hätte er eine Bezugsquelle.
Denn er wird mit dieser Kampanie gegen Lamm zu Ostern mit Sicherheit nicht auf seinen Osterbraten verzichten. Und Schweinchen und Kälbchen sind auch süß, frag mal nach deren Leben!
Wir Schäfer decken gerade mal 44% des deutschen Lammfleischmarktes, ich vermute, Ostern sogar noch weniger. Also trifft es uns nicht finanziell, was regen wir uns dann so über diese Osterlamm-Hassbotschaften auf?
Ganz einfach, es kränkt und verletzt.
Alleine die Vorstellung der liebevoll brummelnden Mama ihr kleines, leise zur Antwort zirpendes Lämmchen weg zunehmen. Die Mutter, die nun ihrem Lamm überall hin folgen würde. Das Lamm, das wir deshalb nicht an uns gekuschelt tragen, da es nicht unseres ist, nicht unseren Geruch annehmen soll, das wir an den Vorderbeinen tief über dem Boden tragen, damit die Mutter es immer dicht vor der Nase hat, so ihrem Lamm in die ruhige Einzelbucht folgen kann. Dieses Band der Liebe mit Gewalt zu zerreißen, unvorstellbar entsetzlich!
Mein Vater, gestandener Schäfermeister, bereits im Rentenalter und immer noch aktiv für seine Herde, erzählt gerne diese Geschichte aus seiner Lehrzeit:
Er war noch am Anfang seiner Ausbildung, als eines Tages in der Lammzeit ein großer Schlitten auf den Hof gefahren kam. Heraus stieg ein geschniegelter Mann in Anzug.
Er sei ein Gourmet!
Und wolle gerne ein kleines Babylamm zum essen kaufen, Preis spiele keine Rolle.
Der alte Schäfermeister Stritzel dachte nicht etwa, hier kann er ein mutterloses Lamm, dessen Aufzucht mehr Geld kostet, als es jemals wieder rein bringt, vergolden.
Nein.
Meister Stritzel griff seine Schäferschippe und jagte das Arschloch lautstark von seinem Hof.
So sind wir Schäfer!

Froh, sonnige Ostern wünsche ich allen!

Dienstag, 27. März 2018

Hallo Hessen am 21. März 2018


link zum Beitrag:
(für Ungeduldige ab der 8. Minute)
 
Da gab es doch dieses Foto von Lillebror an den Schafen in der Frankfurter Rundschau.
Dem folgte der Artikel mit Video für die Frankfurter Neue Presse.
Nun kam ein Anruf des Hessischen Rundfunk, ob ich nicht in eine Sendung kommen wolle.
Klar, mach ich, wenn es zeitlich passt.
Ob ich ein, zwei Schafe mitbringen könne?
Nein.
Das wäre wirklich kein Problem, sie haben ständig Tiere in der Sendung.
Nein! Schafe sind Gewohnheitstiere. Sie mögen es vertraut unter freiem Himmel. Für sie wäre es totaler Stress und das mute ich keinem Schaf zu.
Aber meine Hunde, die kann ich mitbringen.
Wir einigen uns auf die Hunde.
Ob die etwas Vorführen können, was mit Hüten zu tun hat.
Nein, ohne Schafe können die auch nichts vorführen, sie arbeiten ja die Herde.
Ob dann jemand ein Handyvideo von mir bei der Arbeit drehen könnte.
Es tut mir wirklich leid, aber auch das ist gerade schlecht. Im März wird in dem Betrieb nicht gehütet, die Schafe stehen im Stall und werden gefüttert.
Warum?
Weil auf den Wiesen der Landwirte, die wir im Winter beweiden, nichts mehr steht. Jetzt wird dort Gülle gefahren und es soll wieder neu wachsen, nicht für uns, sondern für den Landwirt. Auf den Schafweiden wiederum steht noch nichts, da braucht es den Frühling, Mitte April.
Aufnahmen aus dem Stall werden zu dunkel, außerdem ist das die Privatsphäre des Betriebes in dem ich arbeite.
Ja, Bilder hab ich jede Menge und schicke ein paar aktuelle rüber.
Wir einigen uns auf die Sendung Hallo Hessen am 21. März. Ob ich die kenne?
Leider nicht, ich lebe in Schleswig-Holsten und arbeite nur viel in Hessen.
Am 14. März gibt es noch ein halbstündiges, telefonisches Vorgespräch. Ich bekomme viele fachliche Fragen gestellt, zum Hüten, zur Wanderschäferei, wie es mit dem Nachtpferch funktioniert, Landschaftspflege, Wetter, die Situation der Schäferei, der Forderung nach der Weidetierprämie, meine Hunde, mein Blog.
Danke für das nette, informative Gespräch.
Am gleichen Tag bekomme ich eine Mail mit weiteren Angaben zum 21. März.
Die Sendung geht von 16.00 bis 18.00 Uhr.
Ich soll um 14.00 Uhr am Osttor des Hessischen Rundfunk in Frankfurt sein.
Zwei Stunden früher?
Dann geht es erstmal in die Maske.
Maske?
Ich scrolle die Seite runter: hr Fernsehen.
HR FERNSEHEN!!!!
Mein Herz rutscht in die Hose.
Fernsehen!
Nein!
Bin ich irre?
Wie war das, die Kamera addiert 30 Pfund.
Dafür bin ich doch viel zu fett!
Und hab ich irgendwelche vernünftige Kleidung mit auf Arbeit, die vorzeigbar ist?
Naja, Zuhause besitze ich für so was auch nichts.
Sie wollen doch meinen Hut und die Schäferschippe sehen.
Also, meine Schäferweste ist zwar zu kurz, aber dann kommt eben das Schwarzhemd drüber.
Ganz traditionelle Schäferin.
Eigentlich bräuchte alles ein Bügeleisen, aber so etwas besitze ich nicht mal Zuhause.
Doch es wird gehen!
Aber was für Schuhe?
Das paar Turnschuhe die ich dabei habe, oder olle, stallversiffte Arbeitsschuhe?
Wehmütig denke ich an die schicken Winterstiefel, die ich gerade im Schlussverkauf erstanden habe. Zuhause.
So schrubbe ich also Schuhe.
Um mich dann doch für die studiotauglicheren Turnschuhe zu entscheiden.
Ach, und die Hunde!
Lillebror mit seinem kurzen Fell, kein Problem.
Aber Ylva?
Am Stall ist zur Zeit alles ein einziger Matsch.
Und so schaut meine zottelige Strobelhündin auch aus.
Schlammmonster.
Ja, die bereits wie ein Glockenspiel klimpernden Lehmklumpen habe ich schon längst heraus geschnitten.
Auch die Pfoten sind frei geschoren, da sie bei dem Tiefschnee, des letztens in Schleswig-Holstein, keine fünf Meter laufen konnte ohne dicke Eisklumpen.
Und doch ist ihr restliches Fell jedem Rastafari würdig.
Noch ist sie nicht im Frühjahrsfellwechsel und leicht zu bürsten. Ich tue da im Winter nicht viel, braucht Ylva doch die Matte gegen die Kälte.
Jetzt mache ich mich daran, jeden Tag ein bisschen, den entrüstet leidenden Hund den Filz aus dem Fell kämmen.
Zwei Tage vor dem großen Tag gräbt sie etwas aus dem Misthaufen um es genussvoll zu verspeisten. Dem folgt prompt kräftiger Durchfall.
Super!
Also schrubbe ich dem Hund den Hintern und bin froh, dass es noch ein Tag ist.
Und da ist auch schon der 21. März.
Der große Tag.
Und nein, ich bin kein bisschen aufgeregt.
Ha, ha.
Laut Navi brauche ich 30 Minuten. Wenn ich also um ein Uhr, eine Stunde vorher, los fahre, müsste es dicke reichen.
Ich habe viel Zeit, sind doch durch viele Schülerpraktikanten genug Leute zum Füttern am Stall.
Zuerst knöpfe ich mir Ylva vor, sie wird nochmal gründlich gekämmt.
Dann ein heißes Bad für mich.
Welch Luxus.
Und die Hoffnung das der Stalldreck, der tief in meinen Fingerrillen sitzt, verschwindet.
Um zwölf fahre ich rüber zum Stall.
Ich möchte die Hunde doch noch etwas rennen lassen. Trotz Schlamm, Hauptsache sie sind etwas bewegt.
Das Auto rubbelt komisch.
Hm.
Ich steige aus, lass die Hunde raus und gucke um meinen Wagen.
Hinten rechts platt.
Mir wird ganz schwummrig vor Schreck.
Scheiße. Scheiße. Scheiße.
Was nun?
Ich rufe meinen Chef an.
Er leiht mir sein Auto!
Vielen, vielen Dank!
Tief durchatmen.
Nun noch bei Hallo Hessen anrufen und das geänderte Kennzeichen durch geben.
Geht keiner ran.
Also später.
Den Wagen so um räumen, dass die Hunde nicht auf die Sitze können und los geht es.
Ich habe den absoluten Grundsatz mir niemals ein Auto zu leihen, dass ich im Schadensfall nie und nimmer bezahlen könnte.
Darüber denke ich jetzt nicht weiter nach!!
Einfach nur konzentriert und aufmerksam durch den Rhein-Main Verkehr steuern. Ich bin schon immer Unfallfrei, warum sollte ausgerechnet heute etwas passieren?
Immerhin lenkt das alles doch gut davon ab, dass ich gleich live im Fernsehen auftreten muss.
In Frankfurt halte ich vor dem Eingang zum Rundfunkgelände und versuche nochmal anzurufen. Diesmal geht jemand ran, ich gebe das neue Nummernschild durch.
Kurz darauf am Osttor bekomme ich dann problemlos meinen Passierschein mit Namen und neuem Kennzeichen. Den Geländeplan habe ich auf dem Handy und so steuere ich das Schiff von einem Auto durch die schmalen Wege.
Der angewiesene Parkplatz ist voll besetzt.
Da stehe ich halb auf dem Fußgängerweg, frage mich was ich tun soll. Wagen so stehen lassen? Direkt in die ausgeschriebene Maske?
Doch da kommt schon jemand.
Ich sei doch sicher Anna Kimmel?
Es ist der Regisseur von Hallo Hessen der mich persönlich in Empfang nimmt, da die Besucherbetreuerin gerade verschollen sei.
Die taucht jetzt auf und sammelt mich ein.
Ich folge ihr durch Gebäude und Gänge bis ins Studio.
Hier sind auch schon die beiden anderen Gäste, eine Zahnärztin und ein Fitness- und Personaltrainer. Beide waren schon zuvor in der Sendung, sind wesentlich Erfahrener und wirken in dieser Welt Zuhause.
Dazu ist das Studio voll mit Menschen die hier arbeiten, Regisseur, Moderator, Mischer, Kamerafrau, Kabelträgerin, Organisatoren und schieß-mich-tot, wie die Berufsbezeichnungen sind.
Alle sind sehr freundlich, nett und beeindruckt von meinen Hunden, die erstaunlich entspannt mit jedem kuscheln.
Die Stimmung ist aber allgemein angespannt. Um 16.00 soll es auf Sendung gehen. Jetzt, kaum noch eine Stunde hin, erfahren sie, dass durch die Live-Übertragung der Beerdigung von Kardinal Lehmann mindestens eine halbe Stunde gekürzt wird.
Hier wie überall, Kommunikationsprobleme.
Nun wird hektisch geplant, Programmpunkte gestrichen und gekürzt.
Wir Gäste werden ins Bistro gebracht. Ob wir etwas essen und trinken wollen?
Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen, es irgendwie einfach verpasst.
Aber jetzt was essen?
Wo die beiden anderen Wasser ordern?
Nein.
Nun werden wir in unseren Aufenthaltsraum gebracht. Ich schlüpfe in Schäferweste, Schwarzhemd und Hut. Fertig.
Weiter geht es in die Maske. Die Betreuerin behält meine Hunde da, die bisher einfach nur vorbildlich sind.
Eine echte Maske, mit Spiegel, Schminktisch, Stuhl und Maskenbildnerin.
Was ich denn möchte?
Nichts.
Gut, so werde ich nur leicht über geschminkt, damit mein Gesicht im Scheinwerferlicht nicht röter leuchtet.
Gerade fertig, da klingelt mein Telefon. Mein Kollege hat den Reifen zum Reifendienst mitgenommen. Der ist aber nicht nur platt sondern auch runter und ein Winterreifen. Super, hab ich das Auto doch vor einem Jahr mit Allwetterreifen beim Autohändler in Mallentin gekauft. Danke dafür. Also eben neuen Reifen bestellt und angemeldet, mit dem Auto anderntags rum zu kommen. Ernsthaften Dank an meinen Kollegen.
Aber eigentlich bin ich doch gerade in der Maske!
Hi, hi.
Jetzt habe ich immer noch Zeit und lasse die Hunde in den Rabatten vor der Tür springen.
Jedem, der uns begegnet, zaubern wir ein verwundertes Lächeln ins Gesicht.
Ab 16.00 Uhr ist im Studio alles bereit.
Sendebeginn ist dann erst kurz vor fünf. Es bleibt dem Moderator gerade, uns vorzustellen und dann wird an die Nachrichten abgeben.
Ich bleibe auf dem Sofa sitzen. Ylva und Lillebror liegen davor. Die Beiden sind total unglaublich, entspanntes Dösen. Der Rummel und die Hektik berührt sie nicht.
Eins, zwei, drei, wir sind wieder auf Sendung.
Erst die Wetterfee, dann Verlosung einer Tasse und da bin ich auch schon dran.
Der Moderator stellt mir fragen und ich antworte.
Nichts davon ist geplant, geprobt, abgesprochen.
Ich stehe unter Druck, mich kurz zu fassen, ist doch alles gekürzt.
Und da wird der AlleWetter Beitrag von 2016 mit mir und den Schafen eingeblendet.
2:59 Minuten Pause.
Durchatmen.
Weiter geht’s.
Lillebror hatte die Schafgeräusche und meine Stimme gehört und ist plötzlich hellwach und aufgeregt.
Wo sind die Schafe?
Doch keine da?
Weiter dösen.
Während einer meiner Antworten wird Musik eingespielt und da ich zum Moderator blicke, sehe ich nicht, dass damit Bilder untermalt werden. So denke ich, es ist wie bei der Oscarverleihung, ich soll zum Ende kommen. Nur das die Musik nicht aufhört, wir weiter sprechen.
Und dann ist meine Zeit um.
Gefühlt waren es nur ein paar Minuten.
Und ich habe so viel nicht gesagt.
Nichts von der Petition zur Rettung der Schäferei.


Nichts zur Forderung der Schäfer zur Einführung der Weidetierprämie.


Und auch nicht, dass ich einen Blog schreibe.
 Um so erstaunter bin ich, beim Nachsehen am nächsten Tag, wie viel Zeit ich doch hatte und erst, wie entspannt ich wirke.
Wie meint eine Freundin, die mit Enkel zum Lämmerkuschel kommt, währen ich arbeite:
Wenn man den Beitrag sieht, denkt man Schäfer ist der entspannteste Beruf der Welt. Und dabei stimmt das gar nicht, es ist ja richtig schwere, harte Arbeit.
Ja, so ist es.
Auf jeden Fall war der Fernsehauftritt eine unglaublich spannende Erfahrung.
Wie viele Leute es braucht, für eine Sendung!
Und alle arbeiten sie Untertage. Kein natürliches Licht im Studio.
Und jeder unglaublich nett zu einer Schäferin in dieser ihr so fremden Welt.
Vielen Dank an das Hallo Hessen Team und meine Mitgäste! 

und noch einmal der link:

Mittwoch, 7. März 2018

Schafe satt hüten im Januar 2018



Januar.
Winter.
Die Lammzeit ist noch gut sechs Wochen entfernt.
Das Frühjahrswachstum wohl noch vier Monate.
Wovon werden die tragenden Schafe denn jetzt noch satt?

Das fragt sich der Nichtschäfer und auch so mancher Standortkoppelschafhalter, der nun schon seit bald vier Monaten seine Schäfchen im trockenen hat und füttert. Zumindest hoffentlich, denn auf den Schafweiden ist jetzt meist schon lange kein Futter mehr.
Doch dafür auf den Landwirtschaftlichen Mähwiesen.


Der Winter 2017/2018 ist mal wieder sehr mild. Selbst jetzt gibt es Tage mit 12°C. Dafür ist es unglaublich nass, viele Flächen stehen unter Wasser, die Böden sind vollgesogen, jeder Schritt quatscht.
Mild und feucht, dass lässt Gras auch im Januar grünen.
Und so bekommen wir auch unsere Schafe rund.

Lille links in der Grenze, Ylva läuft auf der Außenseite

Doch erwartet die Jahreszeit eine unglaubliche Flexibilität und häufigen Flächenwechsel.
Eingezäunte Schafe jetzt noch satt bekommen? Wohl kaum. Außer, ich bin ein fleißiger Zaunbauer, stecke dauernd um, verbringe damit die Zeit, die sonst zu hüten wäre.
Schafe satt hüten, erreiche ich jetzt nicht damit, den Zaun morgens auf zu machen, die Schafe fressen zu lassen. Der Tag muss gut eingeteilt werden, damit ich abends auch eine runde Herde habe.
An uns Menschen erklärt:
Ich habe einen leckeren, nahrhaften, sättigenden Gemüseeintopf, von dem ich gestern schon gegessen habe und eine frische Laugenbrezel mit Butter, Käse oder Wurst und etwas Salat und einen feinen Nachtisch. Genehmige ich mir zuerst den Nachtisch, passt vielleicht gerade noch so die Brezel rein, aber auf den Eintopf habe ich garantiert keine Lust mehr.
Macht ja auch nichts, hab ich den schnell verdaulichen Zucker verdaut, esse ich eben wieder etwas.
Die Möglichkeit hat Schaf nicht, dann ist es Nachts, der Pferch leer, es muss hungrig bis zum Morgen warten.

"Guten Morgen" satte, zufriedene Herde am Morgen

So darf ich beim Hüten morgens nicht mit mit dem besten Futter anfangen. Da arbeite ich mich langsam hin.
Zuerst kommt das, wo die Herde schon drauf war, das, was sie am Abend verschmähen würden. Haben sie da morgens keine Lust drauf, ist es entweder nicht mehr genießbar, oder sie sind noch zu satt vom Vortag, warten auf besseres. Das muss ich dann einschätzen. Aber so früh ist es auch kein Problem, die Schafe mal ne halbe Stunde nicht am Fressen zu haben, der Tag ist ja noch lang.
Umgekehrt, die Schafe fressen abends nicht mehr, birgt immer die Gefahr, dass man sich in die Irre führen lässt, denkt, sie sind schon satt und dann Schafe einsperrt, die bei angepasster Hüteweise und besserem Nachtisch noch ein, zwei Stunde gefressen hätten.
Wenn jetzt jemand über arme Schafe klagt, die sich nicht jederzeit Leckeres reinpfeifen dürfen, sollten sich das Beispiel oben nochmal ansehen. Für uns Menschen wäre es auch definitiv gesünder, würden wir den Eintopf nicht als schon-mal-von-gegessen entsorgen, sondern uns vor dem Leckeren eine vernünftige Grundlage schaffen. So würde uns so manche ungesunde Heißhungerattacke am späten Abend erspart.
Die Hütetage diesen Januar sind unglaublich abwechslungsreich. Nicht nur, dass es viele kleine, schnell abgefressene Wiesen zu hüten gibt. Auch sind die Wege dazwischen oft schmal und mit lumpigen Pferdedraht begrenzt.




Die Böden sind so nass, dass die Schafe tatsächlich mal die etwas überständligen Flächen bevorzugen. Auf kurzem Gras laufen sie einmal drüber, haben es eingeschlammt und mögen nicht mehr.


Das Wetter bringt alles, was es bereit hält, Regen, Sturm Friederike, Hagel, Eisregen, Schnee. Die Schafe kümmert all das nicht, so lange ihr Futter stimmt.
Ich hingegen vermisse Licht und Sonne.
Der Arzt hat bei mir Vitamin-D Mangel festgestellt!
Regen und Eisregen quälen mich, währen die Herde ruhig frisst, werden Füße und Hände immer kälter, röter.




Doch als das in Schnee übergeht, genieße ich es.


Das Weiß, endlich wieder hell!
Wie die Flocken leise auf uns fallen, Häufchen bilden, auf meinem Hut, auf den Schafrücken.




Selbst bei Friederike ist kein Schaf nervös. Wobei es so doll weht, dass sie im Wind nicht mehr fressen. Doch kaum ist etwas Windschutz, wird weiter gegrast. Nur ich hoffe, dass der Windschutz in Form von Bäumen stehen bleibt, keine Äste auf uns schmeißt. Selbst stehe ich dicht an einem dicken Stamm, spüre wie sich der Wurzelteller in den Böen hebt und senkt.








Vielleicht fragt sich der ein oder andere, was ich bei diesem Wetter anziehe. Oder es wird einfach vermutet, dass ich abgehärtet bin. Leider muss ich dazu sagen, mitnichten. Ich friere leicht und schnell. So muss die Kleidung mich warm halten.
Da fang ich doch mal unten an.
Ein paar Baumwollsocken, darüber vierfädig gestrickte Wollsocken und dann nochmal ein Paar achtfädige. So sind meine Winterschuhe mindestens eine Größe größer, als die Sommerschuhe. Bei Regen und nassen Flächen trage ich muck boots mit eingelegter Lammfellsohle. Ist es einigermaßen trocken, habe ich von Meindel Leder gorotex Wanderschuhe mit Lammfellfutter, über die kommen noch von meinem Vater handgefertigte Ledergamaschen.
Zur Unterwäsche trage ich einen wollnen Liebestöter, darüber eine lange Wollunterhose und ein Langarmwollhemd. Beides von räer, dem Bundeswehr und Army shop, der einfach preislich unschlagbar ist.
Nun kommt eine gefütterte Outdoor Hose. Oben folgt ein Holzfellerhemd, eine Fleecejacke mit Wollanteil, die ich auch zum Arbeiten trage. Darüber eine ältere Wollfleecejacke von Mufflon. In neuer trage ich eine Mufflonjacke den ganzen Winter für Gut.
  
(ein link zu einem TV-Wetter-Beitrag mit mir von 2016)
Weiter geht es mit einer Lammfellweste. Die war eine teure Investition, doch ich trage sie nun seit 25 Jahren. Also es rechnet sich.
Darüber kommt ein Amerikanische Marineuniform Jacke mit hohem Wollanteil. Durch die Wolle kommt Nässe kaum durch und ich brauche keine zusätzliche Regenjacke an den Armen. Die Marinejacke und auch die Regenhose stammen wieder von räer. So ist letztere auch in tarn, dafür wasserdicht und atmungsaktiv für gerade 20 Euro.
An den Händen habe ich wollne Fingerhandschuhe, so behalte ich Bewegungsfreiheit. Bei längerem Stehen ziehe ich mir an die Hand, die die Schäferschippe hält noch einen Lammfellfäustling.
Um den Hals trage ich einen Wollschal und ein buff Tuch aus Wolle. Letzteres kann ich auch über den Kopf unter dem Hut tragen.
Tja, und über das alles kommt der Regenumhang aus dem Kleißner Schäfereibedarf.
Und ein australischer Akubra Hut aus Kaninchenwolle, der meinen Kopf sicher trocken hält.


Das Reifenmännchen lässt grüßen. ;)
Die Sorgen haben die Hunde nicht, sie lassen sich von keinerlei Wetter beeindrucken.
Hauptsache sie können arbeiten.


Ylva und Lillebror, meine beiden Altdeutschen Hütehunde, sind beide unermüdlich. Aber während Ylva auch mal Pause macht, wenn gerade nichts zu tun ist, läuft Lille, läuft und läuft.



Da Lille sicher, konzentriert und gleichmäßig seine Grenze geht, fange ich nun an, ihn an der Straße zu arbeiten. Etwas, was ich mit Ylva nicht mache, sie ist nicht so linienbeständig, versteht nicht, warum sie nicht auch auf dem breiten Asphalt laufen kann. Muss ich mit ihr an der Straße wehren, behalte ich sie bei mir. Ich schicke sie, wenn kein Auto kommt und lasse die Schafe nicht bis direkt ran fressen.
Lille macht seine Sache sehr gut.
Es ist eine kurvige Straße, die doch gut einsehbar ist. Die Autos fahren nicht schneller als fünfzig Kilometer pro Stunde, gerade noch meine Komfortzone.


Am ersten Tag rufe ich Lille bei jedem Auto zu mir. Doch schon am zweiten lasse ich ihn. Er läuft so sicher und gleichmäßig, kein abschweifen. Trotzdem ist mein Blick jede Sekunde bei ihm.
Er weiß nicht, dass er nicht auf die Straße darf!
Er weiß nicht, wie gefährlich die Autos sind!
So muss ich jeden Moment bereit sein, ihn abzurufen. Und auch das ist nicht einfach. Bei jeder anderen Grenze hieß ein Ermahnen bisher, weg vom Vieh zu gehen. Nun möchte ich das Gegenteil. Für den Hund schwer verständlich.

In den Tagen an der Straße überlegt er sich genau zweimal, dass man doch auch mal kurz rüber laufen könnte. Beide Male konnte ich das sofort abbrechen. Und doch muss ich wissen, dass das für ihn nicht heißt, dass er nun weiß, dass die Straße tabu ist. So bedeutet es weiterhin hundertprozentige Wachsamkeit bei mir.
Als Außenseite würde ich eh kein Hund Straße laufen lassen, dazu hätte ich zu viel Angst, dass irgendetwas unerwartetes passiert.
Ja, hüten im Januar.


Nicht die schönste Zeit des Jahres.
Und doch.
So direkt der wilden rauen Natur ausgeliefert ist man im restlichen Jahr nicht.
Abends habe ich müde, glückliche Hunde und satte, zufrieden Schafe.
Schafe die ihrem Ursprung folgen, lebendes Grün verspeisen.
Die Stallzeit mit all ihrer enge, dem dauernden, kräftezehrenden Füttern, kommt früh genug.
Schon jetzt ist der Stall voll mit Schafen aus der Zwischenlammzeit um Silvester. Genug zu tun vor und nach dem Hüten.
Nein.
Ich bin dankbar für jeden Hütetag.
Schafe und Hunde auch.


Samstag, 3. März 2018

So ist das Leben einer Wanderschäferin



Während ich am Hüten war, kam zufällig Michael Schick, ein Fotograf der Frankfurter Rundschau, vorbei.
Die Herde stand weit, die Hunde machten ihre Arbeit und ich mit Hut auf meinen Stock gestützt.
Ein alter und zeitloser Anblick der in Passanten immer etwas bewegt.
So fragte mich Herr Schick ob er Bilder machen dürfe.
Natürlich, gerne.
Drei Stunden später verabschiedete er sich mit dem zufriedenen Ausdruck von einem, der einer Schafherde beim Fressen zugucken durfte.
Am 02.02.2018 erschien dann ein Bild mit kurzem Kommentar in der Frankfurter Rundschau, darauf mein Altdeutscher Hütehund Lillebror an den Schafen.


Nicht lange darauf bekam ich über facebook eine Anfrage von Muriel Frank. Für die Frankfurter Neue Presse beziehungsweise das Höchster Kreisblatt wollte sie eine Geschichte und ein Video-Porträt über mich machen.
Dem stimmte ich, nach Absprache mit meinem Auftraggeber, gerne zu.
Mir ist es wichtig Schäferei und Schäfer im öffentlichen Sinn zu halten.
Und ja, es macht mir auch Spaß.
So wurde ein Termin für Donnerstag, den 22.02.2018 um 10/10.30 Uhr gemacht.
Als Treffpunkt würde ich einen google maps Punkt senden.
Ja, wo genau stand bis zum Tag vorher noch gar nicht fest. Bei Terminabsprache wusste ich noch nicht einmal, ob wir bis dahin die Herde nicht aufgestallt hätten, den Beitrag im Stall drehen müssten.
Doch Wetter und Futter spielten mit und als ich Mittwoch den Nachtpferch zur neuen Fläche fuhr konnte ich auch den Treffpunkt für den nächsten Tag senden.
Alles nach Plan.

Der Donnerstag klart mit eisigen Minustemperaturen und herrlicher Sonne.
Es haben zwei Schafe gelammt. Zwei runde kleine Lämmer deren Mütter fürsorglich Nähe halten.
Die Herde steht zufrieden, ist noch nicht am drängeln und ich schlage erst einmal den Nachtpferch um.
Auch wenn alles wie am Schnürchen läuft, bin ich jetzt schon etwas aufgeregt.
Wie würde es mit Lillebror werden?
Würde mein nun zweijähriger Altdeutscher Rüde ausnutzen, dass ich abgelenkt und unkonzentriert sein würde? Würde er irgendwelchen Quatsch machen?
Und ich? Würde ich dauernd ääh sagen? Oder irgendeinen Unsinn erzählen?
Genug gegrübelt. Als der Pferch fast fertig ist, kommen sie auch schon. Muriel Frank und Fotograf / Kameramann Markus Künzel, warm eingepackt und sofort angetan von den Schafen, die sie neugierig inspizieren.
Während die beiden ihr Equipment richten, baue ich den Zaun zu Ende. Die Schafe stehen brav auf ihrem alten Pferchpatz, während Ylva und Lille die abgebauten Zäune ersetzen.
Als erstes soll das Gespräch stattfinden. Das kommt mir gut zu Pass, bin ich doch nachher am Hüten und kann nicht voll bei der Sache sein.
Das Interview beginnt und ich brauche einen Moment, um umzusetzen, dass man später die Fragestellerin nicht hören wird und ich deshalb die Frage in meine Antwort einbauen muss. Doch dann plaudere ich frei von der Leber weg und beantworte fröhlich und ehrlich alles. (Heute bin ich froh, dass nicht alles persönliche auch im Video ist 😉.
Auch nicht in den Beitrag geschafft, hat es der Hinweiß auf die Demonstration zur Rettung der Schafhaltung am 13. März 2018. Hier der link dazu: Demo zur Weidetierpraemie am 13. März 2018 )
Die Schafe warten derweil friedlich ab. Nur Lille ist sichtlich unruhig auf seiner Grenze, will gerne zu mir kommen und quietschend rumdrängeln, damit es doch nun endlich los geht. Doch lässt er sich gut zur Ordnung rufen.
Ist er begeistert, als ich das Signal zum Aufbruch gebe!
Wir müssen ein kurzes Stück auf neues Futter ziehen, die Schafe folgen mir brav und ich lasse die Hunde nicht laufen, zu aufgezwiebelt sind sie.
Endlich auf frischem Gras verteilt sich die Herde zum Fressen. Das Stück ist ein langes Tal, auf der einen Seite Wald, auf der anderen ein Feldweg. Die eine Richtung ist offen und in die andere ein Graben mit dahinter wieder frischem Futter.
Ylva lasse ich auf dem Weg laufen und Lille hält vorne mit mir die Front zum frischen Futter.
Muriel Frank stellt weiter Fragen und Markus Künzel filmt und fotografiert.
Und Lille?
Was hatte ich mir Sorgen gemacht.
Aber was tut er?
Er hält selbständig die freie Grenze zum frischen Futter. Als die Herde dann kippt, auf der anderen Seite über den Graben drücken will, wechselt er über Ylvas Weggrenze auf die Außenseite, wehrt hinter dem Graben.
Ohne dass ich irgendetwas zu ihm sage, übernimmt er die Aufsicht über das ganze Gehüt. Ja, er schneidet etwas die Ecken ab, läuft keine exakt rechten Winkel beim Seitenwechsel, aber er pendelt immer da, wo es nötig ist, hat alles im Blick, setzt seine Grenzen durch ohne Schafe wuschig zu machen.
Ich beobachte das tief beeindruckt, nehme mir vor, meinem Hund in Zukunft mehr Freiheit zu lassen.
Einmal drückt eine kleine Blase von Schafen am Wald entlang weiter auf frisches Futter. Lille hat sie bisher gewähren lassen. Markus Künzel fragt, ob ich Lille da nicht mal hin schicken könnte.
„Kann ich machen, aber dann knallts.“
Ja, ich solle es bitte.
Also, leise: „Lille!“
-Was? Wo? Yeepy!
Und Lille räumt ziemlich altdeutsch mit der Blase auf. Natürlich kommt das dann auch ins Video.
Der vermutlich mehr Aktion gewohnte Kameramann meint, dass er nun ziemlich viele Schafsbilder hat, was es nun noch zu filmen gäbe?
Naja, ich könnte einem Tier die Klauen schneiden.
Gute Idee, und da ist doch eine die hinkt.
Die Herde steht fressend im weiten Gehüt und ich habe die Hinkerin im Augenwinkel.
So nahe die Schafe Dich lassen, so gerne sie kommen und an Dir rum nutzeln, wissen sie, dass Du sie fangen willst, bekommst Du sie nur, wenn die Herde eng steht, andere Schafe den Fluchtweg blockieren. Also schlendere ich unauffällig in der Nähe der Hinkerin, gucke bloß nicht zu ihr.
Oh, und versuche nicht zu nervös zu sein ob des filmenden Publikum.
Und da ist der Moment, ich bin nahe genug, mit dem Fanghaken meiner Schäferschippe hake ich das Hinterbein ein. Hab sie!! Auf den Hintern gesetzt und das Klauenmesser gezückt. Der Hinkefuß ist deutlich wärmer als die anderen, das Zeichen einer Entzündung. Nach vorsichtigem Abtragen kommt auch schon Eiter, da war wohl ein Dorn gesessen. Ich schneide das vereiterte, tote Horn weg und sprühe Blauspray zur Desinfektion auf. Nun bekommt das Schaf noch eine rote Markierung auf den Kopf, damit man weiß, dass sie behandelt ist und sie darf wieder laufen. Wunderbar, dass hätte doch besser nicht klappen können. Erleichterung.
Auch meine beiden Besucher sind beglückt. Mehr Aktion, außer das ich noch eine heiße Tasse Tee trinke, kann ich nicht bieten. Und doch haben beide Zufriedenheit in ihren Gesichtern, als sie sich nach vier Stunden verabschieden. Etwas die absolute Ruhe und den Einklang einer zufrieden fressenden Schafherde genossen.
Sie machen noch ein paar Aufnahmen der Mütter mit ihren Lämmchen, die brav am Pferch stehen geblieben sind, um später in den Stall gefahren zu werden.
Ich ziehe mit der Herde weiter zum nächsten frischen Stück, die Schafe grasen, die Hunde pendeln, die Sonne scheint. Perfekt.
Meinen Dank nochmal an Muriel und Markus für den wirklich gelungenen Beitrag über mein Leben als Schäferin.




Freitag, 2. Februar 2018

Taunus im Dezember 2017



 Als ich morgens zum Pferch komme liegt die Herde noch weit verteilt, satt und zufrieden vom Vortag.

Erst langsam erheben sich die Merinolandschafe, wissen sie doch, dass es nun los geht.
So kann ich mir einen ersten Überblick verschaffen, ohne vor Gedränge nichts zu sehen.
Keine kleinen Lämmer heute. Gut so, immerhin wurden die letzten Tage alle, die mit prallen Eutern beim Laufen schaukelten wie Schiffe, dicke, bauchige Lastkähne, in den Stall gebracht.
Da hatte es heute morgen auch sieben neue Lämmer gegeben, eine Mama sogar mit Drillingen.


Ich lasse meine beiden Altdeutschen Hütehunde aus dem Auto. Ylva und Lillebror sind vorfreudig und geladen. So beginnen sie ein wildes, lautes Kampfspiel.
Ich ermahne sie, sich zusammen zu reißen. Immerhin stehen jetzt alle Schafe und sind vermutlich nicht weniger vorfreudig.
Doch die Hunde müssen sich noch etwas gedulden. Ich öffne den Zaun, rufe den lauten Lockruf: „Koooouuum! Koooouuum!“ und die Herde trottet auf das Stück neben dem Pferch, verteilt sich zum Fressen.


Das die Merinoschafe mir so selbstverständlich und bereitwillig folgen, erstaunt und ehrt mich sehr. Immerhin ist es nun schon anderthalb Jahre her, dass ich sie das letzte mal gehütet habe. Doch eine Schafherde hat ein langes Gedächtnis.
Verwundert war ich, dass sie, im Gegensatz zu mir, meinen Tigerrüde Lillebror als völligen Fremden empfanden und anfangs einen Mindestabstand von 20 Metern zu seiner Grenze hielten. Lille wiederum war dadurch gelangweilt, was ihn angespannt und unzufrieden machte. So strahle er noch mehr Druck aus und ermutigte erst recht kein Schaf.
Aber natürlich, bis auf eine Stunde im September, hatte die Herde Lille auch seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen. Und da war er ein kleiner Pups von sieben Monaten, der seine ersten Schritte an Schafen wagte. Nun ist er ein, vor Energie strotzender, Zweijähriger.


Immerhin gewöhnte sich die Herde schnell an ihn. Macht er doch wahnsinnig Druck, rennt ein großes Merino auch mal einfach über den Haufen, ist er gleichzeitig verlässlich und berechenbar. Lille würde nicht aus der Grenze in die Herde knallen oder anderweitigen plötzlichen Unsinn machen.
So fressen sie bis an seine zu laufende Linie heran, was wiederum ihn beruhigt und entspannt.


Er kommt in ein gleichmäßiges Pendeln, nur mal unterbrochen von dem Suffolkbock, der es unbedingt und immer wieder wissen will. Mit dem neckt sich Lille, bis er ihn sauber im Nacken packt. Damit hält der Suffi erstmal einen halben Meter Abstand zur Grenze.
Suffolkböcke!
In allen Herden, die ich hüte, dass gleiche. Sie müssen zwanghaft den Hund testen. Und es geht dabei nicht um das grünere Futter auf der anderen Seite der Grenze, nein, denn zum Beispiel ein Teerweg bietet definitiv nichts leckeres. Es geht nur darum den Hund zu ärgern.
Aber zurück zu diesem schönen Morgen, an dem es ausnahmsweise mal nicht Grotten regnet, schneit oder beides in Kombi, wie die letzten Tage.


Ich baue den Nachtpferch, sechs Elektronetze, ab und behalte die Hunde eisern in meiner Nähe. Zu hüten gibt es gerade nichts!
Im Sommer stehen die Schafe Nachts meist in gerade drei Zäunen ohne grün. Aber da kommen sie auch pappesatt rein. Jetzt, um diese Jahreszeit reicht das Tageslicht einfach nicht, um sie ganz satt zu bekommen. So braucht die Herde nachts noch einen Nachtisch. Außerdem ist das Wetter saumäßig und die Tiere sollen natürlich keinesfalls im Schlamm stehen.
So wird jeden Tag wieder der perfekte Nachtpferch gesucht. Die Fläche muss groß genug für sechs Netze a 50 Meter und mit grünem Gras bewachsen sein. Der Bauer darf nicht schon Gülle gefahren haben, auch nicht in den letzten sechs bis acht Wochen, sonst frisst kein Schaf mehr. Die Wiese darf nicht zu nass sein. Regen und Schnee stört kein Schaf, auch nicht auf dem Gras, doch ins Wasser legt es sich definitiv nicht. Auch Kälte kümmert Schafe nicht, nur Starkwind, in Verbindung mit Regen, das ist Mist. Ist es also stürmisch oder Sturm angesagt, sucht man nach einer Pferchfläche mit Windschutz in Form von einem Knick oder Wald.
Direkt an die Straße legen wir die Herde auch nach Möglichkeit nicht. Sollte etwas passiert, könnte das mit dem Verkehr gefährlich werden. Außerdem möchte man sich den Nerv mit anzeigewütigen Tierrettern ersparen.
Ja, es ist für Schafe im Winter Witterungsschutz und trockene Liegeplätze vorgeschrieben.
Wir hatten das schon.

Zur Definition:
Trockene Liegeplätze bedeutet, die Schafe im Nachtpferch nicht in Matsch oder sogar Wasser stehen zu haben. Ist es den Tieren zu nass, legen sie sich zum Schlafen nicht hin.
Also liegen die Tiere geht es ihnen gut.

Witterungsschutz bedeutet, dass die Schafe bei Sturm und Starkregen einen Nachtpferch mit Windschutz haben. Auch das ist gut zu erkennen: Frierende Schafe stehen alle in einer Ecke des Pferches, dicht gedrängt, den Hintern in den Wind. Kein weit verteiltes liegen oder fressen.

So bin ich am Tag zuvor ein ganzes Stück gezogen, um diesen perfekten Pferchplatz zu finden. Mehr Futter, außer dem Stück auf dem sie während des Auf- und Abbaus fressen, ist hier nicht, also geht es nun direkt weiter.
Ich rufe die Herde und auf geht es, wir müssen ein ganzes Stück ziehen. Wieder vorbei an den zwei Pferden, die mich gestern so geärgert haben.
Der Weg ist schmal und biegt auch noch im rechten Winkel ab, direkt an der Pferdekoppel.
Als ich mit den Schafen kam, gerieten die Pferde völlig aus dem Häuschen, rannten wie verrückt am Zaun auf und ab. Zaun? Ein lumpiger Draht, der eher die Pfähle hielt, als umgekehrt.
Die Schafe blieben irritiert stehen.
Und ich?
Ich hatte sofort die Stimme meines Meisters im Ohr: „Du schickst keinen Hund zwischen Pferden. Ein Tritt und der Hund ist hin!“
Doch die Herde stand, die Pferde galoppierten zwischen mir und den Schafen hin und her. Auf der anderen Seite war ein steiler Hang mit Gebüsch, schickte ich dort den Hund, würde er die Schafe in die Koppel drücken.
Ich rief.
Nichts bewegte sich, nur die Herde drückte immer breiter, da Schafe von hinten schoben.
Also komm, Ylva, geh mal!
Lille hatte ich fest, das war kein Moment für übereifrige, kopflose Jungspunde.
Ylva lief, wich den aufgedrehten Gäulen aus und machte an der Herdenseite druck.
Batsch.
Ein Zaunpfahl knackte, brach und der Draht lag.
Oh, bitte, lass die Pferde in ihrer Koppel, lass sie nicht zwischen die Schafe laufen!
Und endlich zog die Herde an, folgte mir zögerlich um die Kurve.
Nun war auf der anderen Seite ein tiefes Tal, dort konnte ich Lille runter stellen, Druck auf die Flanken der Herde machen lassen.
Die Schafe liefen!
Ylva abrufen und aufatmen.
Als wir ganz an der Koppel vorbei waren, telefonierte ich, damit der Pferdehalter erfuhr, dass der Zaun lag.
Ja und da muss ich nun zurück.
Die Pferde stehen wieder in der Spitze des rechten Winkels. Doch diesmal rühren sie sich nicht, beobachten nur. So zieht die Schafherde ruhig an ihnen vorbei.


Erleichterung.
Bald sind wir zurück auf den Flächen, die ich die letzten zwei Tage gehütet habe.


Auf einer steht es noch gut und die Schafe verteilen sich weit, fressen.
Die Wiese ist komplett mit Bäumen umstanden, die Hunde und ich haben Pause.
So blöd das die Hunde finden, ich esse mein Vesper und genieße den heißen Tee.


Aber bald ist es zwei Uhr und wir müssen noch eine große Landstraße überqueren. Etwas was natürlich bei vollem Licht geschehen muss. So rufe ich die Herde und weiter geht es.
Über die nächste Wiese, am Ackerrand hoch auf einen Feldweg. Den verlassen wir bald wieder und es geht weglos in den Wald. An der Stelle, an der der Weg die Straße kreuzt, kommt nicht viel weiter eine Anhöhe. Über die kommen die Autofahrer geschossen und sehen die Schafe erst spät.
So wird im Wald auf der Anhöhe gequert, Autos sehen einen dann beidseitig von weitem.
Ich bin etwas zu früh in den Wald gebogen, habe ich doch heute morgen die Strecke zum ersten Mal gezeigt bekommen und auch da nur den befahrbaren Teil.
Doch ich finde die Straße, ziehe parallel bis auf die Anhöhe und sammle die Schafe hinter mir, warte bis auch alle Nachzügler aufgeschlossen haben.
Dabei behalte ich die Hunde eisern bei mir, nun kein unbedachtes Laufen und womöglich Schafe die abspritzen.
Ich warte bis die Straße in beiden Richtungen frei von rasendem Verkehr ist und steige über die Böschung auf den Asphalt, dabei laut rufend.
„Kooomt! Kooomt!“
Und die Herde zieht an, folgt.
Sehr schön!
Immer ein kritischer Moment, denn zögern sie zu lange, kann es sein, dass das nächste Auto kommt, was wegen mir einsamer Gestalt mit Sicherheit nicht langsamer macht. Dann muss ich in diesen Sekunden entscheiden, was ich tue. Entweder winke ich wie irre und hoffe, das Auto hält, oder ich gebe die Straße frei, gehe zurück zur Herde, die aber dann schon Laufbereit am Rand steht und hoffe, dass die Schafe sich nicht auf die Straße schieben.
Auch den Hund schicke ich ungern, treibt er zwar die Schafe an, aber auf dem Rückweg quert er an den Schafen die Straße, während ich schon auf der anderen Seite bin. Und wer weiß, was bescheuerten Autofahrern in den Kopf kommt.
Das ist auch der Grund, warum ich vor dem Queren warte, bis die Herde dicht aufgeschlossen hat, denn auch zum Nachzügler holen schicke ich keinen Hund.
Ein Schaf an ein Auto zu verlieren ist tragisch, aber den Hund?
Nein, das mag ich mir nicht mal vorstellen.
Doch die Schafe laufen brav hinter mir über die Straße.
Die Autos, die von links und rechts kommen bremsen ab, machen ihre Warnblinker an und warten bis das letzte Tier drüben ist.
Wunderbar!
Weiter geht es durch den Wald über schmale Wege.
Unter Bäumen auf wilden Pfaden mit einer Schafherde zu wandern, völlig egal zu welcher Jahreszeit, gehört für mich zu den schönsten Momenten des Schäfersein.
Und wieder erreichen wir kleine Wiesen. Die Schafe verteilen sich zum Fressen und die Hunde ziehen ihre Bahnen, halten die Tiere vom jungen Getreide fern.


Bei einem Schaf platzt die Fruchtblase und nicht lange und ein Lämmchen sucht, leise zirpend, auf wackeligen Beinen, nach der warmen Milch seiner tief brummenden Mama.
Die Herde frisst weiter und die Mutter führt ihr Lamm langsam nach, bis das Müttertaxi kommt, sie in den Stall bringt.


Die Sonne, die sich die ganzen Tage nicht gezeigt hat, färbt den Himmel in einem letzten aufglühen rot und ich baue den Nachtpferch.


Es ist dunkel, die Schafe eingepfercht, Strom auf den Zaun und Heim geht es.
Spät abends, vor dem Schlafen, laufe ich zur letzten Runde hinauf zum Stall.
Nochmal durch die Hochtragenden gucken und Neugelammte mit Zwillingen extra sperren.


Dann die Einzelbuchten durchsehen, alle Lämmer fit und rund?
Die Flaschenlämmer bekommen ihre Nachtmilch in der Lammbar mit Warmhaltevorrichtung.


Gut Nacht ihr Schafe!
Licht aus.
Ich verlasse den Stall.
Ylva und Lille trotten müde hinter mir her.
Meine kleine Reisekatze, die so tapfer in alle Betriebe in denen ich arbeite mit kommt, springt um uns herum.
Es hat ganz aufgeklart.
Über mir erstreckt sich unendlich und weit funkelnder Sternenhimmel.
Der alte Wachturm über dem Dorf ist dezent zu Weihnachten beleuchtet.
Stille Nacht!
Heilige Nacht!
Alles schläft, einsam Wacht!